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Schatten der Vergangenheit - 15. Kapitel
mimi, pommes, handball
ayrenni

 

Draußen im Regen
 

Tief durchatmend hielt Dominik sich den Telefonhörer ans Ohr. Er hatte eigentlich nicht die geringste Ahnung, was er dem anderen sagen sollte, falls der wirklich abhob – Mini wollte den Spielmacher nämlich im Augenblick eigentlich beim besten Willen nicht sehen, wollte ihn nicht hier in seiner Wohnung haben nach dem, was Mimi sich ihm gegenüber gerade eben geleistet hatte.

Mini schreckte hoch, als plötzlich ein Klingeln aus einem der anderen Räume seiner Wohnung ertönte. Überrascht stand er auf, folgte dem Geräusch und erreichte auf diesem Weg schließlich die Küche. Im nächsten Augenblick wurde dem Linksaußen klar, dass Mimi mit Sicherheit nicht auf seinen Anruf antworten würde.

Weil er es gar nicht konnte. Das Handy des Spielmachers lag mitten auf dem Küchentisch – fein säuberlich daneben lag Mimis Portemonnaie. Das Mobiltelefon klingelte noch immer und vibrierte gleichzeitig, dudelte dabei irgendeine nervtötenden Melodie, die Mini nicht auf Anhieb kannte, auch wenn er sich sicher war, dass er sie schon öfter gehört hatte.

Kopf schüttelnd drückte Dominik auf die Abbruchtaste auf seinem Telefon und beendete somit den Anruf. Mimis Handy hörte urplötzlich auf, dieses nervtötende Geräusch von sich zu geben und sich zu bewegen.

Unsicher blieb Dominik mitten in seiner Küche stehen.

Was sollte er jetzt tun?

Mimi hatte offenbar gar nichts bei sich – weder sein Handy, noch Geld oder sonst irgendetwas. Er hatte noch nicht mal Kleidung an, die ihn vor der momentan draußen herrschenden Witterung auch nur annähernd schützen würde. Und draußen goss es immer noch wie aus Kübeln…

Mini kannte Mimi. Er wusste, dass der andere sich für gewöhnlich nicht so schnell beruhigte, wenn er einmal wirklich aufgebracht war. Und das war er gerade eben mit Sicherheit gewesen. Da vergaß der andere gern mal alles um sich herum und tat einfach das, wonach ihm in diesem Augenblick eben der Sinn stand. Ungeachtet der Tatsache, wie gesundheitsgefährdend das Wetter war oder dass er nicht einen Cent bei sich hatte…

Also war Dominik sich ziemlich sicher, dass Mimi nicht zurück zu Minis Wohnung kommen würde – zumindest nicht freiwillig oder gar in naher Zukunft. Seufzend – und selbst noch immer nicht ganz glaubend, dass er das jetzt wirklich tat – suchte Dominik sich daraufhin schnell eine warme, wasserdichte Regenjacke aus seinem Schrank. Dann machte er sich auf den Weg nach draußen. Toto würde ihn unter Garantie für nicht mehr ganz dicht erklären, wenn er ihm erzählte, dass er tatsächlich nach draußen gegangen war, um nach der Szene zwischen ihnen beiden jetzt auch noch nach Mimi zu suchen. Aber jetzt gerade war nicht wichtig, was sein bester Freund dachte.

Mini hatte keinen blassen Schimmer, wo er Mimi jetzt suchen sollte, da er mit der Kapuze seiner Jacke tief ins Gesicht gezogen, auf dem Bürgersteig vor seiner Wohnung stand und sich unschlüssig nach links und rechts umsah. Unentschlossen stand er da. Die Straße war wie leergefegt. Niemand außer ihm schien sich bei diesem Wetter vor die Tür zu wagen – abgesehen von Mimi natürlich…

Schließlich zuckte Mini einfach die Schultern, und wählte instinktiv den Weg nach links. Nicht weit von seiner Wohnung entfernt lag in dieser Richtung immerhin der Bahnhof – und irgendwie hatte Dominik in der Vergangenheit schon öfter die Erfahrung gemacht, dass Mimi sich ganz gerne mal aus dem Staub machte, wann immer ihm eine Situation zu unangenehm oder heikel wurde.

Und die schnellste und unkomplizierteste Option für Mimi, um aus Kiel weg zu kommen, war nun mal ganz einfach eine Zugverbindung. Auch, wenn der Spielmacher im Moment kein Geld bei sich hatte, um ein Ticket zu bezahlen – aber in Mimis momentanem Zustand würde Dominik es dem anderen sogar zutrauen, schwarz zu fahren.

Kurz huschte ein Grinsen über Dominiks Gesicht, als er daran dachte, was das wohl für Schlagzeilen geben würde…

Schnell wurde er jedoch auch schon wieder ernst. Er seufzte. Wirklich viel Hoffnung, Mimi hier draußen tatsächlich zu finden, hatte er nämlich eigentlich nicht. Kiel war immerhin eine riesige Stadt. Und Mimi war jetzt auch schon eine ganze Weile aus Dominiks Wohnung verschwunden, hatte also schon einen ganz gehörigen Vorsprung Mini gegenüber. Sich ständig zu allen Seiten hin umsehend, um jedes Zeichen, das auf die Anwesenheit von Mimi hindeuten könnte, zu entdecken, stapfte Dominik jedoch trotzdem tapfer einfach weiter, durch die noch immer fast menschenleeren Straßen.

******

Mimi setzte einfach einen Fuß vor den anderen, ohne darauf zu achten, wohin sein Weg ihn eigentlich führte. Er wusste nicht, wie lange er schon unterwegs war. Es musste allerdings schon eine geraume Weile her sein, dass er Dominiks Haustür hinter sich zugeschmissen hatte und die Treppenstufen nach unten gestürmt war. Dass es die ganze Zeit, die er jetzt schon durch Kiels Straßen lief, über heftig geregnet hatte und dass es das immer noch tat, dass es eiskalt war und er inzwischen nass bis auf die Knochen war – das alles registrierte er gar nicht.

Auch dass er inzwischen zitterte, seine Fingerspitzen so abgekühlt waren, dass er sie eigentlich schon gar nicht mehr spüren konnte, nahm Mimi nicht wahr. Sein Zorn, seine Wut, alle Aggressionen in ihm waren zwar beinahe so schnell wieder verschwunden, wie sei bei ihm aufgeflammt waren. Und dennoch konnte er einfach nicht stehen bleiben oder sich jetzt gar umdrehen.

Er fühlte sich abgenabelt von der gesamten Welt um sich herum. Er kam sich vor als wäre er der einzige Mensch auf Erden, komplett allein. Alles um ihn herum war grau. Die Straße, der Gehweg, die Hausmauern…auch der Himmel war mit grauen Wolken überzogen, so dass kein Sonnenstrahl durch die dichte Wokendecke dringen konnte.

Kein Lichtblick, nirgendwo um ihn herum. Selbst das Licht, das vereinzelt aus Wohnungsfenstern auf den Bürgersteig fiel, kam ihm seltsam dumpf vor. Außerdem fühlte er sich dadurch nur noch abgeschnittener von seiner Umgebung. Wie ein Ausgestoßener, einer, der nichts bei anderen Menschen zu suchen hatte, den niemand bei sich haben wollte…

Mimi senkte den Kopf, rannte weiter gegen den Sturm und den Regen an. Weil es das Einzige war, was er im Augenblick tun konnte. Einfach weiter gehen, einen Fuß vor den anderen zu setzen, auch, wenn sein linkes Bein langsam begann, zu streiken. War aber jetzt alles egal. Er kümmerte sich nicht um den stechenden Schmerz, der wild in seinem Knöchel pochte.

Weil er keinen Ort mehr hatte, wo er hingehen konnte, lief er trotzdem einfach weiter. Weil niemand da war, der ihn bei sich haben wollte. Weil er im Augenblick einfach nur vor sich selbst weg laufen wollte, hielt er nicht an.

Plötzlich knickte sein Fuß ein. Der Linke. Er hatte einfach seinen Dienst quittiert, hatte Mimis Körpergewicht nicht mehr tragen können – die Belastung war zu groß gewesen für das ohnehin schon verletzte Bein. Der Schmerz war noch immer deutlich spürbar, aber jetzt, da kein Gewicht mehr auf den beanspruchten Bändern lag, doch schon etwas weniger schlimm als noch vor ein paar Minuten.

Mimi versuchte gar nicht erst, sich wieder aufzurappeln. Er hatte keine Kraft mehr dazu, fand einfach keine Motivation dafür, wieder aufzustehen. Weil es nichts ändern würde. Vor sich selbst konnte er einfach nicht weglaufen – zumindest nicht so. Er hatte es vorher nicht einsehen wollen, erkannte es jetzt aber gezwungenermaßen trotzdem. Mimi blieb einfach sitzen. Mitten auf einem Bürgersteig in Kiel saß er da, wie ein Penner. Wie das Häufchen Elend, das er nun mal war. Er wollte gar nicht wissen, was für ein jämmerliches Bild er in diesem Augenblick abgeben musste…

Und noch immer war ihm hier draußen keine Menschenseele begegnet. Noch immer war er völlig allein hier draußen.

Nachdem er ein paar Minuten einfach so da gesessen hatte, schaffte er es schließlich doch, sich an die nahe gelegene Hauswand zu lehnen. Der Regen war noch immer nicht besser geworden. Zum ersten Mal nahm Mimi richtig war, dass er zitterte, dass seine Jacke durchgeweicht war. Heftig stieß er mit dem Kopf gegen die dicke Steinwand hinter sich.

Das war doch alles nicht wahr…das war ein Albtraum…

Gestern Abend war doch alles noch in Ordnung – schon nahezu perfekt gewesen. Er hatte sich endlich zumindest annähernd wieder wohl gefühlt, hatte hier in Kiel und bei Dominik endlich ein bisschen Ruhe gefunden, Abstand zu seinen Problemen gewonnen. Und dann dieser Tag heute, an dem einfach alles schief gegangen war.

An dem er einfach alles verbockt hatte, um ehrlich zu sein.

Wütend vergrub Mimi den Kopf in seinen Händen, fuhr sich durch die Haare, die so nass waren, dass sie an seiner Stirn klebten. Es war einfach nur arschkalt. Und er war hier draußen. Allein.

Das übermächtige Gefühl, sofort mit jemandem reden zu müssen, packte ihn. Automatisch fuhr eine seiner Hände in die Tasche seiner Jeans – die inzwischen ebenfalls so durchgeweicht war, dass es keinen Unterschied gemacht hätte, wenn Mimi nackt im Regen gestanden hätte…

Alles, was er jetzt wollte, war mit jemandem zu reden. Irgendjemanden anzurufen und einfach die Stimme eines anderen, menschlichen Wesen zu hören, das ihm wohl gesonnen war. Er wusste noch nicht einmal, mit wem er eigentlich sprechen wollte, wessen Nummer er gleich wählen würde, aber selbst das war im Moment nicht wichtig. Auch nicht, worüber er gleich reden würde. Nur, dass er jemanden erreichte, zählte. Und das musste jetzt sein.

Erst, als er feststellte, dass seine Taschen leer waren, erinnerte Mimi sich daran, warum er sein Mobiltelefon, das er ansonsten nicht aus der Hand legte, gar nicht dabei haben konnte. Das hatte er irgendwann in Minis Küche deponiert. Heute Morgen, nach dem Frühstück, wenn er sich richtig erinnerte. Warum wusste er nicht mehr. Jedenfalls war er jetzt sowohl ohne Kommunikationsmöglichkeit als auch ohne Geld unterwegs.

Seine Geldbörse hatte er nämlich ebenfalls in Dominiks Wohnung liegen lassen. An keines der beiden Dinge hatte Mimi gedacht, als Mini ihn nach ihrem Streit hinausgeworfen hatte. Er war selbst viel zu wütend gewesen, um an so etwas Unwichtiges wie Geld oder Handy zu denken…

Wütend ballte Mimi die Hand zur Faust und schlug auf den Asphalt. Es war schon lange nicht mehr die Wut auf Dominik oder sonst jemanden, die ihn jetzt beherrschte, sondern nur die Wut auf sich selbst, die ihn so handeln ließ. Das war doch alles absolute Scheiße. Diese ganze Situation, der ganze Tag – und am allermeisten er selbst.

Mimi wünschte sich, niemals in Dominiks DVD-Regal nach einem Film gesucht zu haben, niemals diese verdammten Filme gefunden oder die richtigen Schlüsse daraus gezogen zu haben. Dann wäre alles noch so, wie es gestern gewesen war. So viel einfacher und unkomplizierter…

„Fuck!“, fluchte Mimi, legte den Kopf in den Nacken.

Der Regen prasselte unnachgiebig auf sein Gesicht. Eisig kalt und doch, irgendwie fühlte der Spielmacher sich dadurch, als würde ihn das eisige Wasser aus einem Traum holen…

In eine Realität, die noch viel unangenehmer war. Er konnte es noch immer nicht so recht glauben, was er zu Dominik gesagt hatte, was für Worte er dem anderen gegenüber gebraucht hatte…aber genau diese hallten jetzt in seinen Ohren nach.

Niemals hätte er von sich selbst gedacht, dass er zu so etwas fähig sein könnte, dass er sich so absolut schäbig aufführen könnte. Und dann auch noch gegenüber Dominik, der doch so verdammt viel für ihn getan hatte, der ihn bei sich aufgenommen hatte und der…

„Fuck!“, entfuhr es Mimi noch einmal, leiser dieses Mal. Und bei weitem weniger heftig als zuvor.

Denn da waren sie schon wieder, diese verdammten Gedanken. Diese undurchschaubaren, für ihn unerklärlichen Gefühle, die er seit heute Morgen doch eigentlich für immer hatte verbannen wollen. Weil es nicht richtig war. Und weil es nicht das war, was er wollte. Sicher nicht. Weil er ganz einfach nicht so war wie…

Und dennoch war die Erinnerung von Dominik da, der vor ihm gestanden hatte, um Worte ringend und offenbar nicht wissend, was er auf die Beleidigungen, die Mimi ihm entgegen geschleudert hatte, erwidern sollte. Das Bild stand deutlich vor seinem geistigen Auge. Dass er Tränen in den Augen des anderen hatte schimmern sehen,  machte es noch mal schwieriger, das Ganze zu vergessen. Die Enttäuschung in Dominiks verfickten, blauen Augen…

Ihm war schlecht. Mimi fühlte sich schrecklich, er fror erbärmlich – aber das Allerschlimmste war das Wissen, dass gerade eben einen Freund verloren hatte. Durch seine eigenen Dummheit und sein absolut unglaubliches Verhalten. Er hatte Mini so tödlich beleidigt, hatte Worte zu ihm gesagt…Mimi wusste absolut nicht, woher die überhaupt gekommen waren.

Normalerweise war er nicht so aufbrausend, so unreflektiert – außer, wenn es um Handball ging und die Emotionen bei einem Spiel hoch kochten. Aber das gerade eben…

Er hatte Panik gehabt, ganz eindeutig. Auch, wenn das vor ihm Dominik gewesen war, hatte er sich plötzlich eingeengt gefühlt, bedrängt. Auch, wenn er beinahe den kompletten Nachmittag damit verbracht hatte, einige von den Filmen anzusehen, die Mini verraten hatten…

Mimi schämte sich so sehr für seinen Ausbruch. Er wusste nicht, wie er Mini jemals wieder unter die Augen treten sollte. Ob er das überhaupt wieder können würde. Gerade eben hatte er noch gesagt, dass er sich vor Mini ekelte, hatte haltlose Anschuldigungen gegenüber dem anderen vorgebracht…

Und jetzt war der Einzige, vor dem er sich ekelte, er selbst. Und seine verdammte Reaktion. So hatte das alles gar nicht ablaufen sollen – er hatte mit Mini nach dessen Training in Ruhe darüber reden wollen, hatte ihn fragen wollen, ob es so war, wie es aussah. Aber als Dominik vor ihm im Raum gestanden hatte, da war plötzlich alles aus dem Ruder gelaufen. Mimi hatte ihn gar nicht mal zu Wort kommen lassen, hatte einfach losgebrüllt…

Als hätte er Angst davor, das zu hören, was Mini ihm erklären würde.

Mimi konnte sich nicht vorstellen, wie sehr er Dominik mit seinen Worten verletzt haben musste. Er war doch einfach nur unglaublich erbärmlich…

Einen anderen Menschen so zu behandeln, nur weil er nun mal mehr für Männer übrig hatte als für Frauen? Mimi hatte nichts gegen Schwule…auch, wenn er bisher noch nicht wirklich darüber nachgedacht hatte, dass einer aus der Handball Nationalmannschaft tatsächlich schwul sein könnte. Einfach, weil er nicht darüber hatte nachdenken wollen…

Weil das daran Denken fast so etwas war, wie sich etwas einzugestehen. Und da gab es nichts, was er sich eingestehen musste…Also auch nichts, worüber er nachdenken musste.

Nein. Abgesehen von der Tatsache natürlich, dass er sich einem großartigen Menschen gegenüber wie ein Arschloch verhalten hatte.

Die bis vor kurzem noch dichten Regentropfen waren inzwischen zu einem feinen Nieselregen geworden. Es war noch immer verdammt kalt. Mimi rührte sich allerdings noch immer nicht einen Zentimeter, fand den Mut noch immer nicht in sich, endlich wieder aufzustehen.

Er saß einfach nur da, starrte ins Leere. Er hatte Mini verloren. Er hatte Dominik wehgetan.  Er hatte den Linksaußen sogar zum Weinen gebracht. Mimi saß da, an eine Hauswand gelehnt, bei Minusgraden im Regen in Kiel. Genau so, wie er es verdient hatte.

Mimi weinte nicht. Die Regentropfen, die auf seinem Gesicht landeten und seine Wangen entlang liefen, schmeckten nur verdammt salzig.

 


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