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Schatten der Vergangenheit - 16. Kapitel
mimi, pommes, handball
ayrenni

 

Unerwartete Reaktionen
 

„Aber sonst geht’s noch, ja?“, riss eine unfreundliche Stimme Mimi schließlich aus seiner bisherigen Lethargie.

Als er den Kopf hob, um aufzuschauen und herauszufinden, wer der Störenfried war, entdeckte er einen jungen Kerl, Typ super wichtig mit Anzug, Krawatte und Aktenkoffer, der offenbar beinahe über Mimis auf dem Bürgersteig ausgestreckte Beine gestolpert wäre, seine Aufmerksamkeit jetzt allerdings schon wieder von Mimi ab und geradewegs zurück auf das Handy gelenkt hatte, das er sich ans Ohr hielt und in das er eifrig plapperte.

„Ach, nicht so wichtig…irgend so ein junger Penner, gammelt hier irgendwo mitten auf der Straße rum – wahrscheinlich jetzt schon sturzbesoffen, um die Zeit wenn ehrlich arbeitende Menschen lange noch nicht einmal Feierabend haben…ja…ja, genau…und so was soll eines Tages unsere Rente zahlen…tz…sag ich doch…denen zahlen wir mit unseren Steuergeldern auch noch ihr verkorkstes, verdammt angenehmes Leben…verkommene Jugend, alles faule Säcke…“, schnappte Mimi gerade noch auf, bevor der Kerl sich so weit von ihm entfernt hatte, dass Mimi nur noch undeutliches Gebrabbel hörte.

Mimi wusste nicht, was es letztlich war, das ihn diese Worte nicht einfach unberührt zur Kenntnis nehmen ließ, wie er es bisher mit allem anderen getan hatte, das um ihn herum passiert war.

Ob es der Tonfall oder der abfällige Blick war, den der Kerl ihm gerade eben über die Schulter noch einmal zugeworfen hatte, er hatte nicht die geringste Ahnung - doch die plötzliche Wut, die jetzt mit einem Mal heiß und unnachgiebig durch seine Adern floss, gab ihm mit einem Mal neue Kraft, sich endlich aufzurappeln. Mimi biss die Zähne zusammen, als er sein verletztes Bein wieder belastete. Es tat wirklich höllisch weh. Doch fest erinnerte er sich selbst daran, dass er schon schlimmere Schmerzen überstanden hatte, bei weitem schlimmere.

Probeweise machte Mimi ein paar Schritte nach vorn. Und das ging sogar ganz gut.

„Hey!“, brüllte er dem Typen jetzt mit kräftiger Stimme hinterher, der sich inzwischen schon einige Meter von ihm entfernt hatte und offenbar gar nicht erst mit einer Reaktion von seiner Seite aus gerechnet hatte. Wahrscheinlich war der Mann wirklich davon ausgegangen, dass Mimi seine Worte noch nicht einmal mitbekommen hatte.

Überrascht drehte Mr. Ohne-mich-überlebt-ihr-die-Wirtschaftskrise-nicht zu ihm um, blickte Mimi jetzt mit fragendem Gesichtsausdruck entgegen, während der ihm Schritt für Schritt immer näher kam.

Erst jetzt nahm Mimi wahr, dass es inzwischen nicht mehr regnete – seine Klamotten waren zwar noch immer komplett durchgeweicht und bei jedem vorsichtigen, humpelnden Schritt, den er machte, konnte man das schmatzende Geräusch hören, das seine Füße im komplett durchnässten Inneren seiner Turnschuhe machten, aber es regnete zumindest nicht mehr. Auch, wenn Mimi noch immer wirklich erbärmlich fror. Jetzt vielleicht sogar noch schlimmer als vorher, da inzwischen auch ein richtig unangenehmer, eisig kalter Wind durch die Straßen fegte.

„Ich hab sehr wohl einen Job, ja? Und ich zahl’ auch meine verdammten Steuern und brauch ganz sicher keine Typen wie dich…“, fuhr Mimi den Kerl, der jetzt nicht mehr weit von ihm entfernt stand und den Mimi bei genauerem Hinsehen auf ungefähr 40 Jahre schätzte, jetzt jedoch ungeachtet der Temperaturen und der Tatsache, dass er schon wieder begonnen hatte, zu zittern, an.

„Ach ja – und welchen, bitte?“, erwiderte der Mann spöttisch, ließ dabei einen abschätzigen Blick über Mimis verdreckte, nasse Klamotten gleiten.

Und gerade bei diesem Blick flammte dieser Zorn wieder in Mimi hoch, der ihn gerade eben auch dazu gebracht hatte, aufzustehen. Wie konnte es dieser Typ nur wagen, Mimi aufgrund seines Aussehens, nur aufgrund seiner Kleidung, zu beurteilen? Dabei wusste dieser Kerl doch sonst absolut nichts über ihn…

Er bildete sich sein Urteil komplett oberflächlich, nur aufgrund einer einzigen Sache…das war doch wirklich unglaublich, dass es solche Menschen tatsächlich noch immer gab…

Erst, als ihm bewusst wurde, dass genau das der Grund war, warum er Mini gerade eben so schlecht behandelt hatte – dass er ebenfalls komplett vergessen hatte, was für ein toller Mensch Dominik eigentlich war, wie verdammt nett, hilfsbereit und liebenswert – weil er einfach geblendet von der Erkenntnis gewesen war, dass der anderen eben auf Männer stand – wurde ihm klar, dass er nicht das geringste Recht hatte, sich für diesem Typen überlegen zu halten.

Und mal ganz davon abgesehen – Mimi kannte Mini und hätte eigentlich wissen müssen, dass die Tatsache, dass er auf Männer stand, nichts daran änderte, wie oder wer Mini war.

Dieser Typ hier hatte im Gegensatz dazu natürlich nicht den geringsten blassen Schimmer, mit wem er hier eigentlich redete…

Und wenn Mimi jetzt ganz objektiv genauer darüber nachdachte, dann musste er zugeben, dass er dafür wirklich nur dankbar sein konnte. Immerhin wäre es wohl kaum von Vorteil, wenn irgendwie aufkommen würde, dass Mimi Kraus – der designierte Kapitän der Handball Nationalmannschaft – irgendwo in den Straßen von Kiel im Regen herumhockte und in Selbstmitleid zerfloss.

Und dennoch war die Versuchung groß, diesem idiotischen Business-Wichser das arrogante Grinsen aus dem Gesicht zu wischen und seine dumme Fresse zu beobachten, wenn Mimi sich ihm zu erkennen gab…

Aber das ließ er dann doch lieber – dafür war ihm sein Ruf dann doch zu viel wert.

Also schluckte Mimi seine Antwort hinunter und schwieg schweren Herzens einfach – und genau das schien der Kerl vor ihm auch erwartet zu haben. Denn das überlegene Grinsen auf seinem Gesicht wurde jetzt schon fast unerträglich.

„Tja, genau so hab ich dich eingeschätzt. Ich kenn Typen wie dich zur Genüge, glaub mir…und das ihr alle nur eine große Fresse habt, aber sonst überhaupt nichts taugt, die Erfahrung hab ich schon oft genug gemacht…Wenn man nur die Klappe aufreißen kann und selbst dann nicht weiß, was man eigentlich zu sagen hat, sollte man einfach lieber den Mund halten…“, fühlte der Kerl sich jetzt offenbar berufen, Mimi eine Moralpredigt zu halten, „…ist sowieso manchmal einfach der bessere Weg, aber das checken Typen wie du nicht – einfach mal die Fresse halten…“

„Ich glaube, du hast recht…“, erwiderte Mimi daraufhin nach ein paar Sekunden, in denen er einfach geschwiegen und nachgedacht hatte, ernsthaft. Der perplexe Blick seines Gegenübers daraufhin war wirklich gold wert. Offenbar schien er nicht wirklich damit gerechnet zu haben, dass Mimi sich in irgendeiner Weise einsichtig zeigen würde.

Aber wenn Mimi ehrlich war – irgendwie hatte der Kerl, auch wenn er ein riesiges Arschloch war, in diesem Augenblick und mit dem, was er gesagt hatte, einfach Recht. Denn einfach den Mund zu halten – wenn er das gerade eben bei Mini getan hätte, dann wäre ihm dieser ganze Ausflug in die Kälte erspart geblieben…Und er und Dominik wären noch immer Freunde…

Auch, wenn der Typ das mit Sicherheit nicht so gemeint hatte, sondern wohl eher versucht hatte, Mimi weiter zu provozieren…allein mit der Tatsache, dass er ihm Recht gegeben hatte, hatte Mimi den anderen schon mehr aus dem Konzept gebracht, als er das über irgendeinen anderen Weg geschafft hätte.

„Sag mal – kannst du mir jetzt vielleicht noch sagen, wie ich zur Häfnerstraße komme?“, fragte er dann und musste ein Grinsen unterdrücken, als der Business-Typ ihn jetzt nur noch verwirrter anstarrte, die Stirn runzelte und dann schließlich zögerlich nickte. Der Mann musste ihn inzwischen für nicht mehr ganz dicht halten – aber das war Mimi im Augenblick wirklich einfach nur so was von scheißegal.

Keine zwei Minuten später wusste Mimi, wie er zu Dominiks Wohnung gelangen würde und dass er offenbar ein ganzes Stück weiter gelaufen war, als er vermutet hatte. Den Typen ließ Mimi dann einfach grußlos stehen – und irgendwie fühlte er doch beinahe so etwas wie Dankbarkeit für diesen Menschen, auch wenn er ihm noch immer nicht im Geringsten sympathisch war.

Immerhin hatte der ihm aber die Augen geöffnet, hatte ihn mit seinen Beleidigungen aus seinem Selbstmitleid gerissen und ihm damit noch einmal aufgezeigt, wie unglaublich erbärmlich er sich doch verhalten hatte und dass es nur eine Möglichkeit gab, um das Ganze wieder hinzubiegen – indem er jetzt nämlich aufstand, Mini suchte und sich bei ihm entschuldigte.

Und dann blieb ihm natürlich nur zu hoffen, dass der andere seine Entschuldigung annehmen und ihm glauben würde.

Der Weg war lang und Mimi hätte gelogen, wenn er gesagt hätte, dass er nicht schmerzhaft war – jeder einzelne Schritt mit seinem verletzten Fuß tat weh. Er hatte so langsam das ungute Gefühl, dass er wohl doch besser auf Markus und seinen Mannschaftsarzt hören und den Fuß hätte schonen sollen…

Auch wenn ihm nicht so recht klar war, wie er das nach dem Streit mit Dominik hätte anstellen sollen. Doch irgendwie hatte Mimi auch das Gefühl, dass diese Schmerzen eigentlich nur genau das waren, was er sich selbst eingebrockt und was er aufgrund seines unmöglichen Verhaltens verdient hatte.

******

Dominik war noch ein ganzes Stück von seiner eigenen Wohnung entfernt – doch die zusammengekauerte Gestalt, die vor der Tür, die ins Treppenhaus führte, saß, erkannte er dennoch ohne, dass er lange darüber nachdenken musste, wer es sein könnte. Seine eigene, blaue  Adidas-Jacke mit den roten Streifen hätte er wohl überall erkannt.

Außerdem – wer war wohl so verrückt, bei diesem Wetter draußen herum zu hocken, wenn nicht Mimi, der wohl ganz einfach keine andere Möglichkeit gehabt hatte, als wieder zurück zu Dominiks Wohnung zu kommen und vor der Tür darauf zu warten, dass Mini sich wieder blicken ließ.

Mini wusste nicht, ob er sich jetzt erleichtert fühlen sollte, oder nicht. Zwar wusste er jetzt, wo Mimi sich befand und dass es ihm anscheinend mehr oder weniger gut ging, aber er war noch immer einfach absolut wütend auf den anderen und verdammt enttäuscht von ihm. Das konnte auch das bemitleidenswerte Bild, das Mimi im Augenblick abgab, wie Mini erkannte, als er näher kam, nicht ändern.

Nun gut, vielleicht ließ es seinen Ärger über die Worte des anderen doch ein kleines bisschen in den Hintergrund treten…

Denn Mimi schien komplett durchnässt zu sein, die braunen Haare, die normalerweise ziemlich wild in verschieden Richtungen abstanden und schwer zu bändigen waren, klebten an seiner Stirn und wenn er ganz genau hinschaute, glaubte Dominik sogar, den anderen zittern zu sehen. Außerdem hatte der Spielmacher den Blick gen Boden gerichtet – auch, wenn Mini sich sicher war, dass der andere mitbekommen hatte, dass Dominik sich ihm näherte.

Unschlüssig blieb Mini vor dem anderen stehen.

Sollte er jetzt etwas sagen? Und wenn ja – was? Beziehungsweise…War Mimi nur gekommen, um seine Sachen bei ihm abzuholen? Wie ging es Mimi nach ihrem Streit, der inzwischen doch schon eine ganze Weile zurück lag…? Hatte Mimi das Gefühl, dass er etwas Falsches getan und gesagt hatte, oder nicht? War er noch immer von seiner Meinung überzeugt – oder bereute er, was er gesagt hatte?

Dominik konnte keine dieser Fragen beantworten – und die einzige Möglichkeit, die er hatte, um herauszufinden, was Mimi dachte, war mit dem anderen zu reden. Und dennoch konnte Mini sich hier und jetzt einfach nicht überwinden, ein Wort über seine Lippen zu bringen. Weil es eigentlich nicht seine Aufgabe war, nach der Szene zwischen ihnen, jetzt den ersten Schritt zu machen.

„Ich…Dominik…es…ich weiß, es klingt wie ein Klischee und du wirst mir nicht glauben – und mein Verhalten ist mit Sicherheit nicht so leicht zu entschuldigen, wie ich mir das jetzt wüsche – aber…es tut mir wirklich leid, das musst du mir glauben. Das, was ich zu dir gesagt habe…das war einfach nur…ekelhaft von mir. Und unmöglich. Und einfach nicht richtig und…ich…also…ich möchte immer noch dein Freund sein, auch, wenn ich verstehen könnte, wenn du das nicht mehr sein willst…nach dem, was ich zu dir gesagt habe..“,  brachte Mimi schließlich mit offensichtlicher Mühe und vor Kälte etwas atemlos heraus.

Verwirrt starrte Mini den Spielmacher an. Doch der sah ihm noch immer nicht ins Gesicht, starrte stattdessen stur auf den kalten Asphalt.

Unentschlossen blieb Dominik ein paar Augenblicke einfach vor dem anderen stehen, betrachtete ihn von oben herab. Mimi hatte ehrlich geklungen. So, als täte ihm das, was er zu ihm gesagt hatte, wirklich leid – aber das warf dann doch wieder die Frage auf, warum Mimi all das überhaupt zu ihm gesagt hatte…

Auch, wenn es ihn freute, dass Mimi offenbar eingesehen hatte, was er für einen unglaublichen Fehler begangen hatte und wie sehr er Mini mit seinen Worten verletzt hatte – Dominik wusste einfach nicht, ob er dem anderen einfach so vergeben konnte. Oder ob er das überhaupt wollte…

Vertrauen tat er ihm nämlich nicht mehr wirklich.

Ein dreifacher Niesanfall von Mimis Seite her, der schließlich sogar noch von einem heftigen, lang andauernden Hustenanfall gefolgt wurde, war es schließlich, der Dominik einen Ruck gab und ihn dazu brachte, endlich auch etwas zu der ganzen Sache zu sagen. Denn auch, wenn Mini nicht sicher war, wie das mit Mimi und ihm weiter gehen würde, ob sie weiter miteinander befreundet sein konnten oder sollten, oder nicht – Mimis Gesundheit hatte unter diesem kleinen Ausflug in die Kälte wohl doch schon genug gelitten, für den Moment.

Der andere musste dringend ins Warme, in die heiße Badewanne und in trockene, warme Klamotten. Denn auch, wenn es Mini nicht Leid tat, den anderen raus geworfen zu haben – er wollte doch nicht, dass der Spielmacher sich in der Kälte den Tod holte. Allein schon deshalb, weil Markus das nicht wirklich lustig finden würde…

„Lass…lass uns erstmal einfach hochgehen, ins Trockene…“, meinte Dominik schließlich nur unbeholfen, ging mit keinem Wort auf Mimis Entschuldigung ein und nachdem Mimi genickt hatte, ohne Dominik auch nur einmal direkt angesehen zu haben, blieb Mini im ersten Augenblick einfach unbeteiligt stehen und beobachtete, wie der Spielmacher anfangs vergeblich versuchte, sich aufzurichten.

Erst jetzt, als er das sah, fiel Dominik wieder ein, dass Mimi ja auch am Fuß verletzt war und er sich eigentlich hätte schonen sollen. Er sah, dass der Spielmacher Hilfe brauchte, um auf die Beine zu kommen. Und dennoch würde Dominik Mimi ganz sicher nicht mehr einfach so anfassen – viel zu deutlich war ihm noch die Szene im Gedächtnis, wie Mimi von seiner Berührung zurückgezuckt war.

So etwas wollte er ganz einfach nicht noch einmal erleben…

„Kannst…kannst du mir bitte helfen, Mini?“, fragte Mimi schließlich leise – und zum ersten Mal, seit sie nach ihrem Streit wieder aufeinander getroffen waren, sahen sie einander in die Augen.

Mini konnte aufrichtige Reue im Blick des anderen lesen. Außerdem eine ganze Menge Unsicherheit und die Überwindung, die es Mimi offenbar gekostet hatte, seinen eigenen Stolz runterzuschlucken und jemand anderen um Hilfe zu bitten. Diese Probleme hatte der andere schon immer gehabt, das wusste Mini. Mimi mochte es ganz einfach nicht, von anderen Menschen abhängig zu sein.

Doch zu seiner wahren Erleichterung erkannte er nicht die geringste Spur von Angst, Entsetzen oder gar Ekel in Mimis ebenmäßigem Gesicht, als er jetzt vorsichtig einen Arm um Mimis Hüfte legte und ihm daraufhin geübt aufhalf.

Zu zweit machten sie sich schließlich auf den anstrengenden Weg die Treppe nach oben zu Dominiks Wohnung, blickten einander dabei wieder nicht ins Gesicht und wechselten auch kein einziges Wort miteinander.

Sie brauchten nicht lange, der Weg war ja nicht gerade weit. Und doch war Dominik heilfroh, als sie endlich im richtigen Stockwerk angekommen waren.

 


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