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Schatten der Vergangenheit - 18. Kapitel
mimi, pommes, handball
ayrenni

 

Alles zu viel
 

„Ich…also…ähm…“, stotterte Mimi unbeholfen. Gerade eben hatte er sich so wunderbar taub gefühlt, hatte alles einfach über sich ergehen lassen – und jetzt hatte er sich selbst in die Lage manövriert, dass er ganz einfach etwas sagen musste.

Mini war nämlich stehen geblieben, hatte sich aber nicht zu Mimi umgedreht, sah ihn auch jetzt nicht an, während der Spielmacher um die richtigen Worte rang. Dennoch wartete er offensichtlich auf eine Antwort. Doch Mimi hatte nicht die geringste Ahnung, was er auf Dominiks Frage eigentlich antworten sollte – wusste ja selbst nicht, was er im Moment eigentlich wollte, ob er es vorzog, zu gehen oder zu bleiben…

Und warum zur Hölle stellte der Linksaußen ihn jetzt überhaupt vor diese Wahl?

„Verdammt noch mal, Mini…“, brachen dann plötzlich die Worte aus ihm hervor, die Mimi schon die ganze Zeit über auf der Zunge gelegen hatten und die er bisher doch noch nicht auszusprechen gewagt hatte„…ich…dachte ja nur, dass es dir lieber wäre, mich so schnell wie möglich aus deiner Wohnung zu haben, nach dem, was ich dir so alles an den Kopf geworfen habe…Fuck, ich hätte es verstanden, wenn du mich da unten im Regen einfach hättest hocken lassen, weißt du? Und was machst du? Ich…man, Dominik – du kannst mir das alles doch nicht schon verziehen haben, oder?“

Mimi wusste nicht, ob er damit zu weit gegangen war. Ob er nicht einfach besser die Klappe gehalten hätte. Vielleicht wäre es auch besser gewesen, gar nicht erst auf Minis Frage einzugehen und dann, nachdem er seine Finger und Zehen wieder spürte, einfach aus der Wohnung zu verschwinden?

Doch jetzt war es dazu eh zu spät. Mimi biss sich heftig auf die Unterlippe, als er sah, wie Mini sich jetzt langsam zu ihm umdrehte – und zu Mimis absoluter Überraschung hatte sich inzwischen ein kleines, trauriges Lächeln auf Minis Gesicht geschlichen.

Mimi verstand nämlich beim besten Willen nicht, was an dieser ganzen, verwirrten Situation bitte zum Lachen sein sollte…

„Weißt du, Mimi…ich hab’ die ganze, verdammte Zeit, seit ich dich da unten hab sitzen sehen, versucht, mir einzureden, dass ich selbst nicht weiß, warum ich dich nicht einfach hab sitzen lassen. Warum ich dir stattdessen sogar noch geholfen habe, mir Sorgen um dich gemacht habe – obwohl du mir mehr wehgetan hast, als irgendjemand sonst das bisher geschafft hat…Aber weißt du was? Ich hab keinen Bock mehr. Ich will mir nichts mehr einreden, wenn ich die Wahrheit doch eigentlich weiß…

Ich weiß, warum ich noch immer eine Scheißangst davor hab’, dass du einfach so noch einmal abhauen könntest. Inzwischen hab’ ich auch verstanden, warum ich trotz allem nicht will, dass du jetzt gehst…Aber wenn du…also wenn du…nicht die geringste Ahnung hast – wenn du es einfach nicht sehen willst…dann solltest du wirklich besser einfach gehen, weißt du? Gehen und ganz einfach alles vergessen, was heute passiert ist…“, flüsterte Mini dann, seine Stimme klang beinahe erstickt und immer wieder hatte Mimi den Eindruck, dass der Kieler sich fast schon dazu zwingen musste, überhaupt weiter zu sprechen.

Doch mit diesen Worten drehte Dominik sich jetzt endgültig um – das Lächeln war schon lange aus seinem Gesicht verschwunden. Der Linksaußen setzte sich dann endlich in Bewegung.

„Ich…bin dann mal drüben…ich bring’ dir später frische Sachen zum Überziehen…“, murmelte er noch, dann hatte er auch schon die Badezimmertür hinter sich ins Schloss gezogen und Mimi somit der Möglichkeit beraubt, dem anderen noch länger nachzusehen. Täuschte Mimi sich, oder hatten die Schultern des anderen gerade eben verdächtig gebebt? Weinte Mini?

Es wurde plötzlich verdammt still in dem kleinen Badezimmer. Unangenehm ruhig. Und Mimi wünschte sich mit einem Mal nichts sehnlicher, als einen Radio in diesem Raum zu haben. Oder irgendetwas anderes, das Geräusche machte – ihm nicht so sehr dein Eindruck vermittelte, plötzlich wieder von aller Welt abgeschnitten und völlig allein gelassen worden zu sein.

Er wollte nur irgendetwas, das Dominiks Worte, die doch immer noch irgendwie im Raum standen und beinahe schon bedrohlich auf Mimi wirkten, vertreiben konnte. Ihn einfach vergessen lassen konnte, was der andere zu ihm gesagt hatte.

Weil er wusste, dass er, wenn er länger darüber nachdachte, wenn er diese verdammten Worte nicht bald - oder noch besser, sofort - aus seinem Kopf kriegte, früher oder später die richtigen Schlüsse ziehen würde. Oder er würde sich zumindest eingestehen müssen, die richtigen Schlüsse schon vor längerer Zeit gezogen zu haben…und das wollte er nicht. Das konnte er nicht.

Weil er nicht wusste, ob er damit umgehen könnte. Mit dem, was Dominik ihm gerade eben mehr oder weniger gesagt hatte. Wenn er den anderen denn richtig verstanden hatte…

Und was noch viel schlimmer war – er würde sich dann vielleicht auch Gedanken darüber machen müssen, warum ihm allein schon die Aussicht, diese Wohnung vielleicht schon in allzu naher Zukunft verlassen zu müssen, ein flaues Gefühl im Magen bereitete.

Mimi fuhr sich durch die nassen Haare, versuchte, das Chaos, das in seinem Kopf herrschte, irgendwie wieder unter Kontrolle zu bringen. Verdammte Scheiße, das alles.

Was sollte er jetzt nur tun?

Sollte er überhaupt etwas tun – konnte er etwas tun?

Plötzlich fühlte sich das Wasser um ihn herum, das ihm gerade eben erst noch so angenehm wärmend erschienen war, unangenehm heiß an. Die hohe Luftfeuchtigkeit in dem kleinen Bad machte es ihm schwer, richtig durchzuatmen. Nahm ihm die Luft zum Atmen, zumindest kam es ihm so vor…

Seine Gedanken wanderten zu Mimi, der aller Wahrscheinlichkeit nach nur im Raum nebenan war. Nicht mehr als ein paar Meter von ihm entfernt – ob er noch immer weinte? Plötzlich war die Erinnerung wieder da. Die Erinnerung an den Tag in Peking. An den Tag, an dem sie verloren hatten, gegen Dänemark und daraufhin ausgeschieden waren. Damals hatte Dominik auch geweint. Tränen waren seine Wangen hinab gelaufen. Wangen, die noch gerötet vom Spiel gewesen waren – fast so ähnlich, wie sie gerade eben gewesen waren, als der Linksaußen Mimi dabei geholfen hatte, sich auszuziehen…

Und ohne, dass er es hätte verhindern können – nicht, dass er es nicht versucht hätte – war da auch schon die Erinnerung an die Szene in der Umkleidekabine. Was hatte ihn nur dazu gebracht, Mini in diesem Moment zu küssen?

Der andere hatte so verletzlich ausgesehen…verletzlich und so verdammt traurig. Und Mimi hatte das einfach nicht mehr mit ansehen können. Dominik traurig zu sehen, das hatte sich angefühlt wie…beinahe, als würde jemand Mimi ein Messer in den Bauch rammen. Immer und immer wieder…

Wahrscheinlich sah Dominik jetzt, in diesem Moment, genau so aus wie damals. Genau so fertig, genau so verloren. Und dieses Mal war er schuld daran. Mimi war derjenige, der hier und heute dafür verantwortlich war, dass Dominik jetzt weinte. Der ihn unglücklich gemacht hatte, der ihn so verletzt hatte…

Und da war es wieder, dieses Gefühl. Dieses Gefühl, als ob ihm allein schon der Gedanke an Dominik, der in diesem Augenblick mit ziemlicher Sicherheit traurig auf seinem Bett saß, ihm körperliche Schmerzen bereiten würde…

„Scheiße…!“, fluchte Mimi – und tauchte im nächsten Moment einfach kurz entschlossen unter die Wasseroberfläche. Er hielt die Augen geschlossen, hielt die Luft an, lauschte ganz einfach bewegungslos und hörte doch auch unter Wasser nichts anderes, als das, was darüber zu hören war.

Dennoch – in diesem Augenblick fühlte er sich plötzlich sicher, komplett umgeben von dem warmen Wasser, das ihm jetzt nicht mehr zu heiß erschien, sondern nur noch perfekt, schützend. Genau richtig.

Er wollte nicht mehr auftauchen müssen. Wollte einfach hier bleiben – unter Wasser, wo er niemanden sehen musste. Wo er sich keine Gedanken darüber machen musste, wo Dominik war, was mit Dominik los war und warum er selbst jetzt am liebsten bei dem anderen gewesen wäre…

Hier war das alles nicht wichtig…das war eine andere Welt…ine Bessere…eine Einfachere…so viel weniger kompliziert…

Erst, als seine Lungen begannen zu protestieren und mit aller Macht nach Sauerstoff zu verlangen, tauchte Mimi wieder auf. Sein Atem ging stoßweise – er hatte nicht die geringste Ahnung, wie lange er unter Wasser gewesen war. Ob das wohl schon als Selbstmordversuch zählte?

Was für eine absurde Frage, schoss es ihm durch den Kopf. So absurd, wie diese ganze Situation hier.

Und mit einem Mal waren Minis Worte wieder da. Alles, jedes einzelne Wort, das der andere gesagt hatte, als hätte es sich in Mimis Gedächtnis eingebrannt…

Der Linksaußen wollte sich nichts mehr vormachen, hatte er gesagt. Er hatte sich offenbar dazu entschlossen, ehrlich zu sein. Gegenübers sich selbst – und gegenüber Mimi. Und gleichzeitig hatte er Mimi eine Möglichkeit, einen Ausweg offen gelassen. Wenn er jetzt dann nämlich einfach ging – wenn er aus Dominiks Wohnung und aus Kiel verschwand, noch heute, dann hatte er die Chance, alles zu vergessen. Dann könnte er Minis Worte einfach ignorieren, sie als nichtig abtun…

Und darin war er ja so verdammt gut. Im Verdrängen. Im Vergessen. Er würde Mini dann in seinen nächtlichen Träumen zu sehen kriegen, aber das wäre auch schon alles…

So war er es zumindest gewohnt. Auch, wenn Mini eigentlich nicht in seine Alpträume gehörte, so wusste Mimi doch instinktiv, dass Dominik sich dort einfinden würde. Minis trauriges Gesicht, die Enttäuschung und der Schmerz, die aus seinen verdammten, blauen Augen gesprochen hatten.

Dann würden seine Alpträume zumindest mal einen anderen Hauptcharakter haben und abwechslungsreicher werden…

Ihm wurde übel. Er fühlte sich plötzlich bedrängt und absolut unwohl, hatte das Bedürfnis, jetzt sofort aufzustehen.

Fuck – und schon wieder hatte er seinen verletzten Fuß vergessen, als er jetzt beinahe fluchtartig aufgestanden war. Einen Augenblick wurde ihm beinahe schwarz vor Augen, als er sich so plötzlich und offenbar für seinen eigenen Körper unerwartet bewegt hatte. Offenbar war sein Kreislauf noch nicht wirklich auf dem Damm. Er schwankte gefährlich, der Untergrund der noch vollen Badewanne war verdammt rutschig…

Gerade so konnte er das Gleichgewicht halten. Irgendwie. Schnell griff Mimi nach dem Handtuch, das auf dem Rand der Badewanne bereit lag. Der Spielmacher hatte gar nicht bemerkt, dass Dominik das Handtuch dort hingelegt hatte. Notdürftig trocknete Mimi sich ab, stieg jetzt endlich aus der Badewanne, vorsichtiger und langsamer jetzt. Alles drehte sich irgendwie um ihn herum. Mimi band sich das Handtuch, das Dominik extra für ihn bereit gelegt hatte, um die Hüften.

Fuck, und so dankte Mimi ihm seine Freundlichkeit und… Fürsorge…

Oder war da doch mehr – hegte Mini nicht doch Hintergedanken? Wollte er nicht eigentlich doch mehr von Mimi?

Denn genau das war es doch, was Dominik ihm gerade eben mit seinen Worten hatte vermitteln wollen, oder? Mini wollte ihn, wollte ihn nicht als Freund, er wollte ihn berühren, ihn küssen und…mehr…

Jetzt, bei diesem Gedanken, war es um Mimi geschehen. Gott sei Dank schaffte er es irgendwie unbeschadet bis zu der Toilette – im nächsten Moment übergab er sich auch schon. Er hatte heute noch nicht viel gegessen…so würgte er bald nur noch trocken, als er mit einem Mal hörte, wie die Tür geöffnet wurde.

„Scheiße, Mimi…“, hörte er Mini leise sagen. Sorge sprach aus der Stimme des anderen. Mimi hing noch immer über der Kloschüssel, fühlte sich im Moment nicht fähig, sich zu bewegen. Er wusste nicht, was eigentlich los mit ihm war. Noch immer fühlte er sich nicht wirklich besser, er hörte, wie das Blut in seinen Ohren rauschte und sein Herz raste, als wäre er gerade einen Marathon gelaufen…

Im nächsten Moment fühlte Mimi auch schon eine Hand in seinem Nacken, die sich eisig kalt anfühlte und Mimi deshalb sogar kurz zusammenzucken ließ.

„Verdammt, du glühst ja…“, murmelte Dominik da plötzlich, während er auch schon eine Hand auf Mimis Stirn schob, „…scheiße, ich glaube, du hast echt Fieber…hast dir anscheinend richtig was weggeholt…“

Mimi hatte das Gefühl, ein Déjà-Vu zu haben. Warum fand Mini ihn eigentlich immer über seiner Kloschüssel hängend und seine Mageninhalt entleerend?

Tief durchatmend ließ Mimi sich jetzt vorsichtig nach hinten sinken, saß jetzt auf dem kühlen, weißen Fliesenboden. Die Übelkeit hatte nachgelassen. Die kalten Hände waren verschwunden, sobald Mimi sich bewegt hatte. Er wusste immer noch nicht, ob er dankbar dafür sein sollte oder nicht…

Obwohl – oder vielleicht auch gerade weil – es Minis Hände waren…

Mimi blickte auf. Er traf auf Dominiks sorgenvollen Blick, mit dem er ihn musterte. Doch das war dem Spielmacher im Augenblick egal. Es kümmerte ihn nicht, dass er offenbar Fieber hatte, dass er anscheinend krank war – obwohl…vielleicht hatte seine Fantasie ihm ja auch nur einen Streich gespielt. Vielleicht hatte er im Fieber halluziniert und Mini hatte gar nicht das zu ihm gesagt, was Mimi gedacht hatte…?

Das alles war jetzt nicht wichtig. Alles, was wichtig war, war zu wissen, ob Dominik tatsächlich das zu ihm gesagt hatte, was er glaubte, dass er gesagt hatte.

„Mini…ich will nur ehrlich wissen…du stehst auf mich, oder?“, fragte Mimi leise, sah, wie der Linksaußen bei dieser Frage leicht zusammenzuckte und er sich einen Schritt von ihm zurück zog, beinahe so, als hätte Mini Angst vor Mimis Reaktion.

Dann schüttelte der Kieler allerdings leicht den Kopf. Daraufhin deutete er auf den Boden, wo ein paar trockene Sachen lagen, die Dominik offenbar für ihn heraus gesucht und im Schreck, Mimi in einem solchen Zustand vorzufinden, fallen gelassen hatte.

„Ich…weißt du was, Mimi? Zieh dich einfach an und putz’ dir erstmal die Zähne, ja? Wir…wenn du reden willst, dann können wir das machen. Aber in Ruhe…und sobald du auf dem Sofa liegst und ich unseren Doc angerufen habe, damit er dich später gleich noch durchcheckt. Solange es dir so wie jetzt geht, gehst du nämlich nirgendwohin…“, erwiderte er dann ausweichend, aber bestimmt.

Mimi nickte. Er hatte keine Ahnung, was er von diesen Worten halten sollte. Ob das nun ein Eingeständnis von Seiten des anderen war, oder nicht. Doch im nächsten Moment war Mini auch schon aus dem Zimmer verschwunden, hatte Mimi wieder allein zurückgelassen. Dann hörte er, wie Mini offenbar mit jemandem telefonierte.

Der Mannschaftsarzt, wahrscheinlich…

Es kostete Mimi unglaubliche Anstrengung, sich jetzt aufzurichten. Dennoch tat er es. Mit zittrigen Händen putzte er sich die Zähne, stieg dann in die Kleidung, die Mini ihm herausgesucht hatte.

Dann stand er unschlüssig vor der Schwelle, die ihn aus dem Badezimmer in den Flur führen würde. Er schluckte. Er wollte nicht ins Wohnzimmer gehen. Er wollte keine Gewissheit. Oder?

Mimi machte einen Schritt nach vorn und sah sich suchend nach Mini um. So konnte das alles nämlich unter keinen Umständen weiter gehen. Irgendetwas musste jetzt passieren.

 


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